OMD

Einer der Gründe, warum Orchestral Manoeuvres In The Dark ihr neues und damit elftes Album “History Of Modern” getauft haben, ist das Bewusstsein, was ihnen mit diesem Release gelungen ist. Auf dem Papier ist dies das erste neue Material der britischen Synth-Pop-Pioniere seit 1996, doch der Geist von “History Of Modern” hat sehr viel mit der Glanzzeit der Gruppe in den frühen 1980ern gemeinsam, als “Enola Gay” und “Souvenir”, geschrieben von zwei aus Wirral stammenden Krautrock-Fans im Teenageralter, die Charts stürmten und damit eine mutige neue Bewegung in der britischen Electro-Musik ins Leben riefen. Gemeinsam mit Human League und Gary Numan definierte OMDs melodiöse Mischung aus innovativer Syntheziser-Musik, coolem Minimalismus und seelenvollem Pop – in perfektem Feinschliff auf den Alben “Architecture & Morality”, “Dazzle Ships” und “Organisation” zu hören – eine ganze Dekade, verkaufte sich millionenfach und machte die Sandkastenfreunde Andy McCluskey und Paul Humphreys zu Stars.

“Wir versuchten, modern zu sein”, erklärt Andy und weist darauf hin, dass OMD anno 1980 als erste mit einem Sampler arbeiteten. “Nach Architektur, Kunst und Design war die populäre Musik die letzte der großen Bewegung der Moderne, und wir versuchten damals ernsthaft, etwas Neues zu schaffen. Wie genau wir die Welt mit dreineinhalbminütigen Popsongs verändern wollten, weiß ich auch nicht, aber wir waren davon überzeugt, dass es uns gelingen würde.”

Spulen wir 30 Jahre weiter zu den wiedervereinigten OMD im Jahr 2010, und schnell wird deutlich, dass ihr Sinn für Unsinn und ihr jugendlicher Idealismus diese Gruppe heute noch motiviert. “Das Schöne daran ist wahrscheinlich, dass wir dieses Album genau wie früher ganz einfach aufgenommen haben, weil wir gern eine Platte machen wollten”, erklärt Andy. “Wir standen unter keinerlei Druck, eine CD einzuspielen, um Platten zu verkaufen und unsere Karriere weiterzubringen. Es war, als ob wir noch einmal an unserem ersten Album arbeiten würden.”

Die Saat zu “History Of Modern” wurde gesät, als Paul und Andy sich 2005 zu einem einmaligen TV-Auftritt in Deutschland bereiterklärten. OMD existierten damals seit 1997, als die beiden einvernehmlich die Auflösung beschlossen hatten, nicht mehr – obwohl es Stimmen gibt, die behaupten würden, dass die letzte ernstzunehmende Version der Gruppe bereits 1986 nach dem US-Erfolg von “If You Leave” in dem Film “Pretty in Pink” die Orientierung verloren hatte. In dieser Fernsehshow verstanden die beiden sich prächtig, erinnerten sich daran, warum sie einst Freunde gewesen waren, und sprachen über die Möglichkeit einer Tour und sogar eines eventuellen neuen Albums.

2007 tourte das Original-OMD-Line-Up der frühen 1980er, bestehend aus Paul, Andy, Malcolm Holmes und Martin Cooper, mit “Architecture & Morality” erfolgreich durch Deutschland und Großbritannien. Doch die Begeisterung, ihre alten Nummern Abend für Abend zu spielen, nutzte sich schließlich ab. An ihre Stelle trat der Hunger nach neuem Material. “Mit diesem Album”, meint Andy, “legen wir unsere Karten auf den Tisch und sagen “Da sind wir. Wir sind OMD. Und das ist es, was wir heute machen.” Dies ist das Album, das wir aufnehmen mussten, um den Weg zu ebnen für alles, was danach kommt.”

In diesen Electro-freundlichen Zeiten ist der Einfluss von OMD allgegenwärtig: The XX, Brandon Flowers von The Killers und James Murphy von LCD Soundsystem zitieren OMD als Inspiration, und auch Künstler wie La Roux, Cold Cave und The Horrors weisen ganz unbestreitbar Spuren von OMDs DNA auf. Andy stellt fest, dass OMD heute als Band mit einem Platz im “Pantheon relevanter populärer Musikgeschichte” gelten – was während der Britpop-Ära, als die Sixties-Revival der letzten Inkarnation von OMD (ein Sole Venture von Andy; Paul hatte sich bereits 1989 verabschiedet) ein Ende setzte, noch absolut undenkbar gewesen wäre.

Das Klima mag günstig sein für ein neues OMD-Album, doch sich als Gruppe, die von vielen als Kulturerbe-Act eingestuft wird, mit einer Platte zurückzumelden, die neben “Architecture & Morality” oder selbst dem Pastell-Funk des 1985 erschienenen “Crush” bestehen kann, stellte die Musiker von ein oder zwei Probleme.

“Das war ein schwieriger Drahtseilakt”, sagt Andy über “History Of Modern”, “denn einerseits sind wir natürlich froh, dass es wieder cool ist, wie OMD zu klingen. Doch wollten wir uns wirklich selbst kopieren? Wohl kaum. Wir mussten etwas machen, das wie OMD klingt – denn wer hätte ein größeres Recht als wir, wie OMD zu klingen? – und gleichzeitig aktuell ist.”

Erfreulicherweise ist “History Of Modern” ein in jeder Hinsicht exzellentes Album, das nur so vor Energie sprüht und die neu entdeckte Begeisterung der Gruppe spiegelt. Gleichzeitig können Andy und Paul zusammen auf über 60 Jahre Erfahrung als Songwriter und Musiker verweisen. Sie kennen sich also aus. Angetrieben von Synth-Riffs, sind “New Babies: New Toys” und die beiden “History Of Modern”-Tracks eindeutig eine Rückkehr zu alter Form, während “RFWK” den Hut vor Kraftwerk zieht und “The Future, The Past, And Forever After” Erinnerungen an New Order, OMDs Kollegen aus dem Nordwesten Englands, weckt. An anderer Stelle weist “Sister Marie Says” Anklänge an “Joan Of Arc” und “Maid Of Orleans” auf.

“Mit “Sister Marie Says” kommen wir einer Persiflage auf unsere eigene Musik am nächsten”, räumt Andy ein. “Die Melodie stammt von 1981 und wurde damals zu den Akten gelegt, weil sie wie “Enola Gay” auf einem vier-Akkorde-Muster aufbaut. Der Text dazu entstand 1993. Vor zwei Jahren fand ich ihn wieder und dachte mir “Moment mal, was ist denn so verwerflich daran, wie der verlorene Bruder von “Enola Gay” zu klingen?”

Paul und Andy spielten den größten Teil von “History Of Modern” jeder für sich in ihren Heimstudios ein, tauschten Dateien und Ideen online aus und verwendeten eine Mischung aus Soft-Synth-Plug-ins und analoger Hardware. Paul lebt in London mit seiner Lebensgefährtin, Propaganda-Sängerin Claudia Brücken, während Andy weiterhin in Merseyside wohnt. Gegen Ende der Aufnahmen kam Paul nach Liverpool, um mit Andy zu arbeiten, und stellte fest, dass die Songs viel natürlicher flossen, wenn beide gemeinsam in einem Raum saßen – genau wie in den alten Tagen. “Wir inspirieren uns gegenseitig”, sagt Paul, “und wenn man im selben Zimmer sitzt, kommen die Ideen schnell. “New Holy Ground” zum Beispiel entstand auf diese Weise – wir schrieben es in vier Stunden als B-Seite, aber in bewährter OMD-Manier beschlossen wir, dass es aufs Album gehört.”

Munter und voller Ideen, wurde “History Of Modern” von Arctic Monkeys/Foals-Engineer Mike Crossey abgemischt und bietet ein etwas roheres Vergnügen als die ruhige Melancholie der OMD-Werke aus den frühen Achtzigern. Ein weiteres Highlight ist die Tatsache, dass das Cover von Peter Saville stammt, der auch für die ikonischen Artworks der ersten OMD-Alben verantwortlich zeichnete. Saville war Hausdesigner bei Factory Records, dem Label, das 1979 OMDs Debütsingle “Electricity” veröffentlichte. Für viele jüngere Hörer ist “History Of Modern” vielleicht die erste Begegnung mit OMD, und man darf hoffen, dass ihre Neugier sie über YouTube und Spotify zu “Organisation”, “Architecture & Morality” und “Dazzle Ships” führen wird – allesamt Schlüsselwerke des Synth Britannia-Kanons.

“Für Paul und mich war OMD ein Hobby, das außer Kontrolle geriet”, gesteht Andy. “Am Anfang konnten wir überhaupt nicht spielen und hatten einfach nur Spaß; dann boten sich uns Möglichkeiten, die wir nutzten, und wir waren erstaunt, als sich die Songs, die wir mit 16 geschrieben hatten, als Hit-Singles entpuppten. Im Top of the Pops-Studio sahen wir uns an und dachten nur “Wie zum Teufel konnte das passieren?”.”

Die Musikindustrie, in die OMD 2010 heimgekehrt sind, ist eine andere als die, die ihnen vor über zwanzig Jahren Millionen von Platten verkaufen half. Aber ihre Einstellung hat sich nicht geändert. “Damals haben wir uns von niemandem etwas vorschreiben lasse”, sagt Andy. “Wenn man heute als glaubwürdig gilt und immer noch aktuell ist, darf man auf seinen Podest zurückkehren. Das haben wir zu unserer großen Freude festgestellt.”

“Und dieses Album”, fügt er hinzu, “ist nur ein weiteres Puzzleteilchen, mit dem wir unseren Platz im Gesamtbild zurückerobern.”

Tracklisting:

01. New Babies: New Toys
02. If You Want It
03. History Of Modern (part 1)
04. History Of Modern (part 2)
05. Sometimes
06. RFWK
07. New Holy Ground
08. The Future, The Past, And Forever After
09. Sister Mary Says
10. Pulse
11. Green
12. Bondage Of Fate
13. The Right Side?

Das Album OMD (Orchestral Manoeuvres In The Dark)History Of Modern” (Blue Noise) erscheint am 17.09.2010.

Im November gehen OMD auf eine ausgedehnte Tour durch Deutschland:

11.11.2010 Köln, E-Werk
12.11.2010 Hannover, Capitol
13.11.2010 Leipzig, Haus Auensee
15.11.2010 Stuttgart, Theaterhaus
16.11.2010 München, Tonhalle
18.11.2010 Berlin, Tempodrom
19.11.2010 Hamburg, Docks

Darüber hinaus werden OMD in den kommenden Tagen eine ganze Reihe von Instore-Auftritten und Autogrammstunden in Deutschland absolvieren. Hier die genauen Termine:

22.09.2010 Köln (Instore & Autogrammstunde)
Saturn Köln, Hansaring 97, 50670 Köln
Beginn: 17:30 Uhr

23.09.2010 Leipzig (Autogrammstunde)
Saturn im HBF, Willy-Brandt-Platz 5, 04109 Leipzig
Beginn: 17:30 Uhr

24.09.2010 Hannover (Autogrammstunde)
Saturn am HBF, Ernst-August-Platz 3, 30159 Hannover
Beginn: 17:30 Uhr

25.09.2010 Berlin (Autogrammstunde)
Saturn am Kudamm, Tauentzien/Europacenter, 10789 Berlin-Charlottenburg
Beginn: 12:00 Uhr

25.09.2010 Hamburg (Instore & Autogrammstunde)
Saturn am HBF, Mönckebergstr. 1, 20095 Hamburg
Beginn: 17:00 Uhr

www.omd.uk.com

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