Locas In Love

Die Welt ist ein seltsamer Ort. Vor gut drei Jahren wohnte ich auf der Neusser Straße im Kölner Agnesviertel. Hier saß ich in meiner Wohnung und schrieb. Meistens über Musik. Eines Tages landete das Album einer deutschsprachigen Band auf meinem Schreibtisch. Deutschsprachige Bands waren mir zu diesem Zeitpunkt noch gleichgültiger als das Spätwerk Chris de Burghs, entsprechend gering war das Interesse, das ich dem Werk entgegenbrachte. Doch schon nach kurzer Laufzeit war ich vollkommen hin und weg: Die Texte, Melodien und Arrangements hatten nichts zu tun mit dem, was damals mehrheitlich unter dem Banner “Popmusik aus Deutschland” fabriziert wurde. Hier wurden nicht einfach Poprock-Formeln zusammengehauen und diffuse Befindlichkeiten im Tagebuch-Stil oder vermeintlich troststiftende Ratschlag-Lyrik darübergesungen – diese Musik hatte Stil und sie kam hörbar von einem Ort, an dem ein leidenschaftliches Herz pochte. Vor allem aber zeichnete diese Platte etwas aus, was mir lange – nicht nur bei deutschsprachiger Musik – gefehlt hatte: Attitüde. Zwar wurden hier keine expliziten Phrasen des Aufruhrs gedroschen, aber aus jedem Ton drangen Haltung und ein gänzlich selbstverständliches Anderssein: Diese Band klang, als könnte man an sie glauben. Als würde sie nicht jeden Unfug mitmachen. Das betreffende Album war “Saurus”, das zweite Langwerk von Locas In Love. Ich schrieb eine Lobeshymne und bezeichnete das Album als “Offenbahrung”. Daß die 2001 gegründete Band nicht nur aus Köln stammte, sondern dass sie diese wunderbare Platte auf der Neusser Straße aufgenommen hatte, wo sich, nur fünf Häuser von meiner damaligen Wohnung entfernt, ihr Studio befindet, wurde mir erst später klar. Diese grandiose Musik war in meiner unmittelbaren Umgebung entstanden und ich hatte nichts davon gewusst. Wie gesagt: Die Welt ist ein seltsamer Ort.

Drei Jahre sind seither vergangen. Und obwohl ich jetzt das Info zur neuen Platte schreiben darf, muss ich zugeben: Ich kenne die Leute von Locas in Love, die wie ich dieses manisch-depressive Dorf namens Köln bewohnen, eigentlich immer noch nicht. Sänger und Gitarrist Björn Sonnenberg und Sängerin/Bassistin Stefanie Schrank sah ich kürzlich bei einer Dario Argento-Filmvorührung und mit Gitarrist Jan Niklas Jansen palaverte ich mal über die Segnungen der Flaming Lips. Trotzdem sind wir uns komischerweise in den drei Jahren seit “Saurus” nicht oft über den Weg gelaufen. Inzwischen ist viel passiert: Björn Sonnenberg und Stefanie Schrank haben geheiratet (getraut wurden die beiden von LD Berghtol, der seine Tenorukulele aus den Vierziger Jahren auf dem Magnetic Fields-Album “69 Lovesongs” ertönen ließ und der bei der Universal Life Church eine Lizenz erwarb, um Menschen zu trauen; sein Hochzeitsgeschenk an die beiden Locas war eben jene legendäre Tenorukulele). Kurz davor erschien das Album “Winter”, ein Jahreszeitenalbum, das die eigensinnige Band von ihrem Restschaffen losgelöst betrachtet wissen möchte und das zusätzlich zu seiner spröden Schönheit mit zahlreichen prominenten Helfern (darunter die Band Spoon, der The National- und Sufjan Stevens-Trompeter Kyle Resnick und LD Berghtol, der Ehestifter mit der Ukulele) zu punkten wusste. Dazwischen standen Locas In Love immer wieder auf der Bühne, sogar für eine EP fand man zwischendurch noch Zeit.

Nun aber endlich das neue Großwerk. Auf “Saurus” folgt “Lemming” – das ist Evolution! Ein logischer Schritt, eine konsequente Entwicklung – und dennoch ist nichts, wie es mal war. Alles fängt von vorne an, auch wenn die Menschen sich eigentlich gar nicht verändert haben. Denn obwohl diese Band schon immer für Unbedingtheit und Konsequenz stand, sind die neuen Songs von einer künstlerischen Radikalität, die ihresgleichen sucht. Klar, schon früher ging es bei Locas in Love um viel. Aber jetzt geht es ums Ganze, ums Große, es geht um Leben und Tod; man möchte sagen: um die Wurst. Es geht darum, Dinge zu sagen, die gesagt werden müssen. Dinge, die nur Locas in Love sagen können. Denn diese Band weiß um die Kraft der Kunst und darum, was sie mit den Lebenden anrichten kann.

Das wird schon beim ersten Song klar: Björn Sonnenberg singt in “Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen (Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug)” mit seiner knäckebrottrockenen Stimme herrliche verkantete Zeilen, die eine völlig eigene, sich erst nach und nach im Kopf festsetzende Melodieführung zeitigen. Doch was er singt, packt sofort. Es sind Sätze, die den Widerspruch “persönlich – allgemeingültig” auflösen, weil sie so persönlich sind, dass sie allgemeingültig wirken müssen: “Ich glaube, ich muss alles hinter mir lassen / um was dann zurückbleibt aus vollem Herzen zu hassen”. Und später: “Ich weiß nie, welchen Draht ich durchtrennen muss / den roten oder den blauen, man weiß es immer erst am Schluss”. Am Ende entlädt sich das Stück ins Hymnische und Sonnenberg und Stefanie Schrank singen immer wieder zusammen dieses Zitat, das mal Charles Barkley, mal Gregor Gysi, manchmal aber auch David Lee Roth oder Mariah Carey zugeschrieben wird: “Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug”. Erst hier jedoch wird er zum Fanal. Denn das können nur die ganz Großen: Hoffnungsvoll einen scheinbar hoffnungslosen Satz singen. Den Locas in Love gelingen solche Kunstststücke mehr als nur einmal. Zum Beispiel in “Auto Destruct”: “Du musst alles verlernen, was Du gelernt hast / Und alles vergessen, was Du weißt (…) Dann leg eine Münze auf die Schienen und warte auf den Zug / der Dich wegbringt von hier, dann warte, was passiert”. Und von den Möglichkeiten und der Unbegrenztheit dessen, was passieren könnte, kündet die Musik, die nun losbricht: Jubilierender Noise-Rock ertönt, My Bloody Valentine spielen mit Stereolab, es jauchzt und kracht. Die Musik antwortet dem Text.

Man merkt schon: Hier wird ernst gemacht. Locas in Love geht es hörbar um Anspruch und Bedeutung – allerdings ohne jeden blöden Prätentions-Quatsch. Es spricht für sich, dass “Lemming” zwar ihr textlich radikalstes, aber auch ihr bislang schönstes Album ist. “Es ist alles wirklich so schlimm wie es scheint” singen sie, doch es klingt so zart und hymnisch, dass sich nichts anderes als Zuversicht einstellen mag. “Lemming” ist eine bald seufzende, bald dröhnende, dann wieder jubelnde Platte. Während anfangs noch der Noise-Ohrwurm “Road Movie” und das cool tuckernde Kraut-Pop-Stück “An den falschen Orten” (beide gesungen von Stefanie Schrank) als offensichtliche Hits herausstechen, wird bald klar, dass die Band noch aus den sperrigsten Stücken die enthemmte Hymne herauszukitzeln in der Lage ist. Der “Lemming” muss voran, sein Getriebensein kennt keine Schüchternheiten: Folglich jault und kracht und wummert es hier, dass es nur so eine Art hat. Die Flaming Lips treffen auf Suicide; Velvet Underground spielen Technicolor-Pop. “Erinnerte Lieblingsmusik” und “verhuschten Bombast” nennt Gitarrist Jan Niklas Jansen das. Großen Anteil am musikalischen Gelingen hatte sicherlich Paul Savage (Ex-Trommler der Delgados und bekannt für seine Studio-Arbeit für Franz Ferdinand oder Mogwai), der den Großteil der Platte in Glasgow aufnahm. Gemischt wurde wiederum in New York von Peter Katis (Interpol, Jonsi) und Spoon-Schlagzeuger Jim Eno in Austin, TX.
“Lemming”, das merkt man schnell, ist ein Album mit Thema. Und selbstverständlich ist Nomen hier noch Omen: Es geht ums Drängen, ums Müssen, ums Nicht-anders-können. Kaum ein Stück, das nicht von Veränderung, Selbstaufgabe oder gar -auslöschung, von Fortgehen und Ankommen handelt. Doch das eigentliche Thema der Platte ist eine so noch nie formulierte Unbedingtheitssehnsucht und der Wunsch, besser: der Drang, es endlich gelten zu lassen. Es geht um die Sehnsucht, die Dinge absolut sein zu lassen. Locas in Love wissen, dass das im Leben nicht immer geht. Sie wissen aber auch, dass man als Künstler absolut denken muss. Locas in Love sind wie der “Lemming”, der nicht anders kann, der einfach nur muss.
Man könnte fast jedes Stück hier als Schlüsselsong herausgreifen: das abschließende fast kammermusikalische “Die zehn Gebote” etwa, wo es heißt: “Um was es gehen muss, ist die eine Sache, die nicht allen gemein ist”. Wer hiernach noch den zehntausendsten verknatschten Trennungssong irgendeines Bart-Liederhansels hören will, ist wohl kaum mehr zu retten. Oder das stampfende Titelstück, in dem Sonnenberg singt: “Wenn ich es in Worten sagen könnte, was ich zu sagen habe / gäb’ es keinen Grund immer noch ein weiteres Lied zu schreiben”. Aber er kann es nicht, denn: “Es wird immer dasselbe sein”. Oh, sweet Vergeblichkeit!

Aber die Band verweist als alles erklärenden Song auf ein Stück, das es im Endeffekt gar nicht auf die Platte geschafft hat: “vs Kong” sollte als Spoken Word-Nummer ursprünglich das Album eröffnen, aber natürlich kam dann alles anders. Aber die Zeilen, die Sonnenberg für das Stück schrieb, erübrigen im Grunde jede weitere Erläuterung:

Jeder Satz muß ein Kauz sein und den Kopf um 180 Grad drehen können, um alles zu sehen.
Jeder Satz muß ein Bär sein und bereit, jeden Gegner in eine Milliarde Stücke zu reißen.
Jeder Satz muß wie King Kong sein, der auf deinem Rücken sitzt und an dir rüttelt, bis dir etwas einfällt, was wirklich wichtig ist.
Und dann von vorne anfangen und nach irgendetwas suchen, was wahr ist und was scheinbar kein anderer weiß.

Hier ist alles enthalten: die radikale Forderung, der völlige Unbedingtheitswille, der Drang nach Relevanz, das Nicht-anders-können, das Machen-müssen. Wie man nach solch einer Forderung noch ein Bandinfo schreiben soll, müssen mir Locas in Love aber noch erklären. Und jetzt auch noch das: Eben erfahre ich von Björn Sonnenberg, dass die Band damals, zum Zeitpunkt meines Dort-Wohnens, ihren Proberaum noch gar nicht auf der Neusser Straße hatte. Ich bin kurz verwirrt. Ist die Welt doch kein so seltsamer Ort? Doch, ist sie. Und mit “Lemming” haben Locas In Love ihr und dem menschlichen Ringen mit ihr einen musikalischen Altar gebaut.

www.locasinlove.com

Tracklisting:

01. Über Nacht Ist Ein Ganzer Wald Gewachsen (Das Licht am Ende des Tunnels ist …)
02. Road Movie
03. Auto Destruct
04. Es ist alles so schlimm wie es scheint
05. Ist das Blut?
06. Manifest
07. An den falschen Orten
08. Lemming (Es Wird Immer Dasselbe Sein)
09. Spoiler Warning
10. Una Questa
11. Die Zehn Gebote

Das Album Locas In LoveLemming” (Staatsakt) erscheint am 01.07.2011.

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