Wilhelm Tell Me

Es war im Juli 2010: da tauchte der Name Wilhelm Tell Me versteckt in einem Newsletter auf. Ein Song war damals da, der hieß “Oh My God” – und war und ist eine Dancefloor-Hymne. Nachgefragt bei einem der vier Herren, was das wohl für eine Kombo sei und mit welchen Plänen, lautete die Antwort: neu sei man, wolle auch erst einmal schauen, wo das alles hinführe. Richtige Pläne habe man noch nicht, aber: “Grob gesagt, wir wollen das so ambitioniert wie möglich angehen.” Was die Band noch nicht ahnen konnte, es ging direkt los: Man bespielte die gesamte Republik und osteuropäische Nachbarn. Man gewann den Intro-Contest und spielte auf dem Melt!-Festival. Man überzeugte die VW Soundfoundation und die Initiative Musik und bekam deren Unterstützung. Und jetzt, im November 2011, liegt ein Album auf dem Tisch, das genau dieses Label verdient hat: ambitioniert – und zwar im positivsten Wortsinne.

Wie klingt das also? Über Musik und Klänge zu reden ist ja immer furchtbar mühselig. Oft und gern werden deshalb Vergleiche mit namhaften Größen gezogen. Von Wilhelm Tell Me sagten Menschen schon, man höre da Phoenix, Two Door Cinema Club, Hot Chip, Miike Snow, Metronomy, Delphic oder Empire of the Sun – das neue Album brachte noch Fenech-Soler, When Saints go Machine, The Notwist oder Bronski Beat mit ins Boot. Das ist schon alles nicht sooo falsch: Indie-Wave und Elektro-Pop wären darum zwei taugliche Hilfsvokabeln, um sich dem Sound von Wilhelm Tell Me zu nähern. Aber drei Sachen sind hier einmal festzustellen. Erstens: Wilhelm Tell Me beherrschen ihre Werkzeuge, daran besteht kein Zweifel. Zweitens: die haben wirklich produziert. Die haben eine Vision von ihrer Musik und dafür, man merkt das deutlich, stundenlang an den Effektreglern gefrickelt und gebastelt. Und damit drittens: das hier hat man von einer deutschen Pop-Band so bisher höchst selten, vielleicht noch nie gehört – Zeit wird’s …

Der Aufmacher des Albums heißt “You Are Water” – und genau da gehört das Stück hin. Ein analoger Synthesizer rotiert durch die Takte, eine fordernde Snare schlägt auf die 2 und die 4. Zusammen mit “My Favorite Sounds”, dem zweiten Titel, wird hier sehr früh und konsequent der künstlerische und ästhetische Interpretationsraum abgesteckt, innerhalb dessen das Album verstanden werden will. In diesem Raum perfekt verortet ist die erste Single “So Into You”. Dieser Track kann die enge Verwandtschaft mit dem Dancefloor-Hit “Oh My God” nicht verleugnen, und will es wohl wahrscheinlich auch nicht. Aber Wilhelm Tell Me schafft hier etwas Besonderes: “So Into You” ist vor der Folie eines zugegebenermaßen fast übermächtigen Songs ein eigenständiger, charakterstarker, gerader Dancefloor-Hit, der ordentlich auf die Zwölf geht.

Mit “Julie” folgt wenig später ein Stück an oder über oder für ein Mädchen – oder der Suche nach ihr. Per direkter Ansprache an die Dame geht das geradlinig los: A-Gitarre, Schlagzeug, sauberer Bass, denen sich beim Refrain noch ein treibender Synthesizer daneben stellt – das alles etwas elektronisch angehaucht und gepaart mit einer Stimme, die etwas bemerkenswertes Eigenes hat, sauber in die Höhen, angstfrei, selbstsicher … Träumerisch baut ein falsettartiger, engelsgleicher Chor im Hintergrund eine Kulisse, in der sich der Song hochschaukelt zu dem gebetsmühlenartig immer wieder geäußerten Bekenntnis: “You’re always on my mind.”

Dass auch im reduzierteren Fach Können vorhanden ist, zeigen “Eve” – mit Piano, einem etwas entfernten Gesang und Botschaften wie “You won’t feel sorry when you find your home.” – und vor allem “Aviary”. Wer etwas durch hat im Leben, findet sich schnell darin wieder. Er wird sich erkennen im lyrischen Ich in “Aviary”, das sich plötzlich in einem Zug von der großen Stadt in die alte Heimat wiederfindet. Eine Zeitmaschine zu den alten Freunden, zu einem früheren Leben. Eigene Bilder von damals flimmern durch den Kopf. Und wenn plötzlich die Streicher rhythmisch einsetzen, diese Bilder nehmen und in den Song ziehen, dann sind wieder einmal drei Minuten Lebenszeit vergangen, weil einen die Musik gegriffen hat.

“Excuse My French” ist komplex aufgebaut, komponiert, klug geschichtet, mutwillig ein wenig übertrieben. Und genau deshalb ist das ein gutes Album. Weil die Musikwelt und der Mensch des 21. Jahrhunderts irgendwie nach vorn stolpert und taumelt. Und wo immer das hinführt, auf “Excuse My French” ist ein passender Song dabei. Wenn das Stolpern zum Ziel geführt hat, gibt es die Triumphhymne. Wenn man irgendwie in die Arme eines guten Menschen getaumelt ist, der Song zum gemeinsam Tanzen. Wenn die Dinge schiefgegangen sind, Stücke zum Wundenlecken. Wenn der Kopf wieder klarer wird: Material zum neu durchstarten. Das könnte eine Idee von Pop sein, die Wilhelm Tell Me in sich tragen: dass am Ende keiner allein tanzt.

www.wilhelmtellme.com

Tracklisting:

01. You Are Water
02. Favorite Sound
03. So Into You
04. Trouble
05. Julie
06. Aviary
07. Lost
08. Dana Point
09. Oh My God
10. The Weight Of Things
11. Eve

Das Album Wilhelm Tell MeExcuse My French” (Südpolrecords) ist seit dem 04.11.2011 erhältlich.

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